Veganismus – Ersatzreligion oder Lebenseinstellung mit Verantwortungsgefühl?


So gut wie jeder Veganer hat diese Aussage sicher schon einmal gehört: Veganismus sei eine Religion.
Nun handelt es sich bei Veganismus durchaus um eine ethische Grundeinstellung, doch ist das dann gleich automatisch als Religion zu werten? Und was ist damit eigentlich gemeint, wenn die vegane Lebensweise als solche bezeichnet wird?

Nun kann der Begriff Religion an sich zum einen positiv und zum anderen wiederum negativ ausgelegt werden. So beinhaltet Religion durchaus viele positive Aspekte. Manchmal ist die Auslegung von Religiosität teils auch negativ behaftet. Teilweise daran gemessen, dass Religiösität in unserer Gesellschaft gerne mal mit negativen Aspekten asoziiert wird. Als Beispiel die Ausdrucksweise: „Der religiöse Missionar“ – jemand, der einen in missionarischem Eifer von seinem Glauben überzeugen möchte.
So lässt sich da gleich mal eine Überleitung finden – der Veganer, der versucht andere von seiner Lebensweise zu überzeugen, genauso wie der Gläubige („und dabei andere Ansichten oder Meinungen nicht gelten lassen will, denn seine Weltanschauung sei ja die einzig richtige“). Manchmal spielt mitunter auch eine gewisse Skepsis hierbei eine Rolle. Die Skepsis am Glauben oder Thema Veganismus selbst und eine daraus resultierende Anti-Haltung. Vielleicht aber auch Skepsis in dem Sinne, weil es befremdlich erscheint, dass sich manche Menschen übergreifend auf so gut wie alle Lebensbereiche Gedanken über ihr Konsumverhalten machen.

Für mich hat vegan zu leben wenig mit Religion zu tun. Vielmehr betrachte ich es als logische Konsequenz, resultierend aus aktuellen Gegebenheiten bzw. gesellschaftlichen Umständen wie die heutige Art der Tierhaltung, die mit Tierproduktekonsum einhergehenden Umweltfaktoren usw. So sind manche Menschen damit einfach nicht einverstanden und ziehen für sich entsprechende Konsequenzen. Ganz simpel ausgedrückt.

Manchmal ist die Auslegung eines Sachverhalts auch

Eine Sache der Definition

Es sprechen heutzutage so einige Argumente gegen den Konsum von Tierprodukten. So wird man als Veganer nicht selten darin bestätigt, dass viele die Art wie Tiere heutzutage gehalten werden als alles andere als tiergerecht empfinden.
Nun geht man als Veganer hierbei meist noch einen Schritt weiter als so manch anderer. Denn im Endeffekt ist eine rein pflanzliche Ernährung praktisch das komplette Gegenteil zur allgemeinen Mischkost bzw. zu dem, was in unserer Gesellschaft als normal bezeichnet wird. So wird das nicht selten als extrem oder zu restriktiv ausgelegt.
Insgesamt boykottiert man damit praktisch das, was man für moralisch falsch hält. Im Grunde eine normale menschliche Reaktion, gemessen an unserem Verständnis von Moral. Zumindest kenne ich niemanden, der behaupten würde Tierquälerei sei okay oder gut. Ich denke so gut wie jeder würde dazwischen gehen, würde er sehen wie vor seinen Augen beispielsweise ein Hund misshandelt wird.

Nun kann man sich an dieser Stelle gerne mal über die Auslegung von Tierquälerei unterhalten. Dass Massentierhaltung ja nicht zwangsläufig Qual für ein Tier bedeuten müsse.
Nun ja, für Eier männliche Küken zu töten, weil sie nicht dafür ausgerichtet sind welche zu legen, Hühner zu mehreren Zehntausenden in großen Hallen zu halten, Kastration und Enthornung ohne Betäubung, das sogenannte „Klopfen“ (das Töten von „nicht als überlebensfähig eingeschätzten“ Jungferkeln durch Kopfschlag), oft angewandt in der Schweinemast, sind nur ein paar Aspekte von einigen weiteren, die ich durchaus als Tierquälerei bezeichnen würde.

Insofern ist es meines Erachtens nach eine rein logische Schlussfolgerung so etwas nicht unterstützen zu wollen, zu sagen, dass der Geschmack so manchen Produktes nicht die Methoden dahinter rechtfertigt. Nach dem Motto: Der Zweck heiligt nicht die Mittel.
Ähnlich wie bei Rassismus oder anderen Ungerechtigkeiten gegen Minderheiten liegt es normalerweise in unserem Verständnis moralischer Werte uns gegen solche Dinge auszusprechen.
Was also hat der Boykott tierischer Produkte jetzt mit Religion zu tun?

Allgemein wird der Begriff Religion wie folgt definiert:

„der Glaube an einen Gott oder an mehrere Götter und die damit verbundene Praxis in Kult und Lebensformen.“

Damit also etwas als Religion definiert werden kann, muss hierbei, so wie es scheint, der Glaube an einen Gott gegeben sein.

Doch wie wird Veganismus nun definiert?

Laut Vegan Society, der weltweit ersten veganen Organisation lautet die Definition für Veganismus wie folgt:

Veganismus ist eine aus dem Vegetarismus hervorgegangene Einstellung sowie Lebens- und Ernährungsweise. Vegan lebende Menschen versuchen soweit wie möglich und praktisch durchführbar, alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an Tieren für Essen, Kleidung oder andere Zwecke zu vermeiden und darüber hinaus die Entwicklung tierfreier Alternativen zu fördern, was dem Nutzen der Tiere, Menschen und der Umwelt dienen soll.”

In gewisser Weise ist es sogar nachvollziehbar, dass manch einer Veganismus mit Religion gleichsetzt. So lebt man doch nach gewissen moralischen Grundsätzen, versucht vermeidbares Leid so gut es geht zu minimieren, bewusst und nachhaltig zu handeln, dem Leben anderer Geschöpfe Respekt entgegen zu bringen und so weiter und so fort.

Viele dieser Grundsätze lassen sich meines Erachtens nach auch gut mit Glaube vereinen. Doch das ist wieder ein anderes Thema.

Vegan leben – eine Glaubensfrage?

Als Veganer richtet man, wie gesagt, viele Aspekte seines Lebens neu aus und versucht diese so weit es geht an seine moralischen Grundsätze anzupassen. Insofern kann das durchaus wie eine neumodische Form der Religion erscheinen. Nur ohne Kirche, ohne Bibel und ohne einen Gott.

Das Entscheidende an der Frage ob Veganismus nun eine Ersatzreligion ist oder nicht ist meines Erachtens nach schlicht und ergreifend, dass es hierbei nicht um eine Glaubensfrage geht.

Class1Carzinogen
Für Tierfutter wird heutzutage Regenwald abgerodet, Meeresleben neigt sich, dank Überfischung, dem Ende zu, laut Getichtsbeschluss ist das Töten von Küken am Tag ihrer Geburt erlaubt, verarbeitetes Fleisch ist krebserregend und noch einiges mehr.
Im Grunde kann jeder diese Dinge selbst nachrecherchieren und sich damit sein ganz individuelles Bild der Gesamtsituation machen.

Wenn man vegan lebt, geht es jedenfalls um mehr als nur um reine Nahrungsaufnahme. So ändert sich nicht selten damit einhergehend der Blickwinkel auf die Dinge, die man früher, genauso wie die meisten anderen, als normal empfunden hat. So wirkt auf mich vieles von dem, was unsere Gesellschaft als normal ansieht, oftmals einfach nur unlogisch.

Ist Veganismus statt einer Ersatzreligion dann nicht vielleicht eher ein Lebensstil mit Verantwortungsgefühl? Eine Art der Lebensführung, bei welcher man schlicht und ergreifend versucht tierfreundlicher, vielleicht auch nachhaltiger und ressourcensparender zu leben? Und inwiefern wird eine ethische Grundhaltung zu einer Religion?

umweltschutz

Wie also sollte Veganismus betrachtet werden? Als neumodische Religionserscheinung unserer First-World-Society? Oder vielleicht als Möglichkeit Leben, der Umwelt und ihrer Ressourcen mit Respekt zu begegnen?

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3 Kommentare zu „Veganismus – Ersatzreligion oder Lebenseinstellung mit Verantwortungsgefühl?

  1. Für mich ist der Veganismus ganz klar keine Religion sondern eine Lebenseinstellung, ähnlich wie im Buddhismus. Dazu müsste man sich wahrscheinlich mehr mit der Definition von Religion auseinandersetzen. In beiden Fällen gibt es keinen Gott, der ‚verehrt‘ wird, man richtet sich aber nach moralischen und ethischen Prinzipien.
    Ebensowenig ist es für mich eine Glaubensfrage, denn ich reflektiere und entscheide in jeder Situation selbst, ohne blind an etwas zu glauben und deswegen so zu handeln, wie ich es eben tue.
    Ich denke der Ausspruch, dass Veganismus eine Religion sei, ist eher so umgangssprachlich. Tief religiöse Menschen werden oft als fanatisch empfunden – genauso wie Veganer, die sich ‚wegen den drei Eiern im Kuchen lieber kasteien, als ihren Gelüsten nachzugehen’…

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  2. Ich hab das auch schon oft gehört, halte es aber für Unsinn. Wenn man bei Religion davon ausgeht, dass man blind an unbelegte DInge glaubt und dementsprechend Rituale abhält passt es andersrum doch viel besser.

    So glaubt man als Omnivor doch eifrig an längst wiederlegte Dinge wie „Milch ist gut für die Knochen“, „Fleisch ist lebensnotwendig wegen dem Protein“ oder generell an wilde Märchen wie „Tiere würden die Welt überbevölkern, würden wir sie nicht schlachten“ oder gar „Mein Steak wurde human getötet und Kühe MÜSSEN ja gemolken werden!“. Besonders schön ist auch „Veganer haben alle Mangelerscheinungen, darum will ich das nicht für mich!“

    Von den Ritualen ganz zu schweigen. An gewissen Tagen hat man Fisch zu essen, zu Weihnachten muss es schon Gans oder Ente sein oder wenigstens der Kartoffelsalat mit Würstchen, Sonntags der Braten und ein Wochenend-Frühstück ohne Ei ist auch schier undenkbar. Es wird hartnäckig an diesen Essens-Ritualen festgehalten, wie auch am Glauben „den Tieren wird es schon nicht so schlecht gegangen sein“ und „Regenwald wird ja eh nur für Tofu abgeholzt“.

    Sicherlich ist Veganismus ein „First World“ Problem – da nur „wir“ in der Lage sind solche Entscheidungen überhaupt zu treffen. TRAGEN muss diese Entscheidung allerdings der Rest der Welt. Unterm Strich muss man sich entscheiden: Nehme ich die Fakten an und ziehe meine Konsequenz daraus (egal wie die aussieht) oder GLAUBE ich einfach weiter blind daran, dass mein Konsum keinen negativen Einfluss auf diese Welt, ihre Bewohner und mich selbst hat und ignoriere jegliche Fakten, die etwas anderes Behaupten.

    Eins von beidem könnte man „Aufgrund von Tatsachen handeln“ nennen. Zum anderen passt tatsächlich eher „Religion“.

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