Das Fleisch-Paradoxon


Gerade in Gesprächen um das Thema Tierhaltung, Vegetarismus usw. heißt es öfter mal, dass das Gegenüber Fleisch von „glücklichen Tieren“ oder „vom Bauernhof nebenan, wo man weiß, dass die Tiere gut gehalten wurden“ oder „nur Bio“ kaufe/konsumiere.
Wenn man wirklich bestrebt ist wenigstens auf die Art der Haltung zu achtet – gute Sache.

Doch mal von einer Bewertung dieser Aussagen Abstand nehmend, ist der Glaube Fleisch von glücklichen Tieren zu beziehen nicht irgendwie paradox? Eine Art Schönreden?
Man möchte nicht, dass Tiere leiden. Man ist absolut gegen Tierquälerei. Manch einer findet Halal-Schlachtung absolut grausam. Und manchmal sprechen sich, zumindest so meine persönliche Erfahrung, manche Menschen, die Fleisch essen weit emotionaler gegen Massentierhaltung aus als ich, der vegan lebt. Nichts desto trotz möchte man dann aber an anderer Stelle weiter Fleisch essen? Fleisch, für dessen Gewinnung ein Akt der Gewalt von Nöten ist?

Genau diesen Widerspruch bezeichnen Sozialwissenschaftler als das sogenannte Fleisch-Paradoxon.
Genauer:

„Die meisten Menschen wollen nicht, dass Tieren Leid zugefügt wird, bevorzugten aber eine fleischhaltige Ernährung, die nicht ohne Tierleid auskommt.“

Erscheint einem dieser Sachverhalt bei genauerer Betrachtung nicht irgendwo unlogisch?

Die meisten Menschen zeigen sich mitfühlend, wenn sie sehen, dass nicht-menschliche Lebewesen leiden. Seien es Wildtiere, Meeressäuger, oder unsere Hunde und Katzen. Auch bei sogenannten Nutztieren wollen nur die wenigsten, dass diese in enge Käfige gesperrt und zu Lebzeiten gequält werden. Sie wollen, dass es den Tieren gut geht. Insofern würde wohl niemand der Aussage zustimmen, dass es eine tolle Sache ist Tiere zu quälen oder ihnen Leid zuzufügen.
An anderer Stelle aber wiederum heißt es oft, dass Fleisch aber so gut schmecke. Oder Fisch aber so gut schmecke. Dass der Genuss dieser Lebewesen so etwas wie Lebensqualität für einen als Menschen bedeute. Dass es zum eigenen Lebensstil dazu gehöre ab und zu mal ein „gutes Steak zu genießen“.

Wie kann man das wirklich mit einander vereinen, dass Tiere nicht leiden sollen, während man sie an anderer Stelle essen möchte? 

Ist so etwas wie Bio, Demeter sowie andere Formen „artgerechter Tierhaltung“ nicht vielmehr so etwas wie sich selbst ein gutes Gewissen einreden?

Anders, so zumindest laut den Ergebnissen einiger Forscher, könnten Menschen, die viel Fleisch essen ihre Moral einfach ein- und ausknipsen wie einen Lichtschalter. Zitat:

„Frühere Forschungen haben vor allem dargelegt, wie die Sorge um das Wohl der Tiere die Lust auf Fleisch verringert“, berichtet Loughnan. „Wir sind die Ersten, die den gegenteiligen Prozess beschreiben.“ Sein überraschender Befund: „Das Essen von Tieren verringert aktiv die moralischen Bedenken.“ (Quelle)

Sind dann fleisch essende Menschen, die sich entrüstet über Massentierhaltung zeigen, dann nichts weiter als gute Schauspieler, die sich zwar mitgenommen zeigen, am Abend aber das einfach wieder ausblenden und in ein Wurstbrot beißen können?
Zumindest sei nicht zu erwarten, dass sich der Vegetarismus/Veganismus weitläufig durchsetze, denn Menschen würden immer Wege finden um guten Gewissens Fleisch zu essen.

 

katze

Fleisch-Paradoxon doch kein Paradoxon?

Ehrlich gesagt erscheint es mir persönlich oftmals unlogisch zu denken Demeter und Bio-Siegel für artgerechte Tierhaltung würde bedeuten, dass ein Tier nicht leiden müsse. Natürlich, die Tiere werden teils besser behandelt. Zu Lebzeiten. Doch auch der Tod bedeutet Leid. So zumindest sehe ich das. Denn es gibt kein „humanes Schlachten“. Vielmehr erscheint mir diese Bezeichnung auch einfach nur paradox.
Es ist in meinen Augen unlogisch zu denken, glückliche Tiere bedeute kein Tierleid. Denn wer würde einen glücklichen Hund zum Schlachter bringen? Wohl niemand. Den meisten würde dieser Gedanke wohl unlogisch und gefühllos erscheinen.Schließlich haben die meisten ja eine emotionale Bindung zu diesen Tieren, denn sie gelten bei uns nicht als Lebensmittel.
Doch scheinbar ist genau das das was die meisten von uns automatisch tun. Man mag entrüstet sein, blendet an anderer Stelle das Wissen um diverse Missstände dann aber einfach aus. Denn sonst könnte man in einem Rind kein Lebensmittel mehr sehen.

Wie seht ihr das? Macht Fleischkonsum wirklich in gewisser Weise empfindungslos anderen Lebewesen gegenüber?

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13 Kommentare zu „Das Fleisch-Paradoxon

  1. „Das Essen von Tieren verringert aktiv die moralischen Bedenken.“

    Das glauben wir beide auch. Weil mensch in diesem Moment ja mitten drin steckt, ist der Blick von außen und der Zugang zum Fühlen, zur Empathie versperrt. Man dümpelt in dem halbbewussten Nebel dessen, was man von klein auf kennt. Das System, was uns das als Normalität vorgaukelt, nennt sich Karnismus. Darüber haben wir gerade einen Blogbeitrag geschrieben. Danke fürs Liken übrigens! 🙂 Oben hat der Einsiedler auch ein eindrucksvolles Video zum Thema gepostet – empfehlenswert!

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  2. tierschutz – inkonsequent und widersprüchlich:
    ist sie nicht schizophren, die beziehung der menschen zu den tieren? zu bestimmten tieren, vor allem katzen, hunde und pferde, entwickeln wir ein sehr inniges verhältnis. sie werden gehegt und gepflegt und sind die besten freunde. die so genannten “nutztiere” dagegen werden gequält und ausgebeutet. wir verdrängen erfolgreich die tatsache, dass fleisch, milch, daunen oder pelz von einem tier mit charakter und eigenen bedürfnissen stammen. die politisch verantwortlichen billigen das sinnlose leid der tiere für wirtschaftlichen profit.

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  3. Toller Beitrag!
    Ich glaube, für viele ist der Bio-Siegel eine sehr willkommene Möglichkeit, ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Sie wollen sich gar nicht bewusst machen, dass dieser das Leid der Tiere nur verringert.
    Außerdem höre ich von vielen Menschen, dass sie nur vegane Lebensmittel kaufen. Wenn sie aber eingeladen sind oder auswärts essen, gilt das plötzlich nicht mehr. Wo bleibt da die Moral?
    Bei anderen steht ganz einfach das persönliche Wohl an erster Stelle. Es ist wichtiger, dass das eigene Essen gut schmeckt, als das die Tiere glücklich sind. Dazu kann man wirklich nicht sagen.

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    1. @blaubeerlaeuferin: Es ist bei Einladungen ganz einfach schwierig. Vielleicht kommen sie noch dahin, auch da suverän zu handeln. Am Anfang machen die Lästereien, Sprüche und Fragen einfach kirre und man weiß nicht immer adhoc eine Antwort. Das kommt erst nach und nach- Dann kennt man diese Sprüche schon und weiß wie man kontert.

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      1. Ich finde es teilweise auch einfach traurig, dass ein solches Thema so viele Streitanlässe bietet. Schließlich bleibt ja jedem seine Entscheidung überlassen, wie er sich ernährt.

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      2. Genau so sehe ich das auch. Es ist schade, dass sich bei diesem Thema die Gemüter oftmals schnell zu erhitzen scheinen und dabei die eigentlichen Aspekte der Diskussion oftmals immer weiter aus dem Blickfeld rücken.

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  4. Sehr guter Beitrag! Ich freue mich, wenn Bekannte mir erzählen, dass sie nur Fleisch aus vertrauenswürdigen Quellen mit guter Haltung etc. pp. kaufen, aber natürlich wäre gar keins besser.
    Ich denke, das Grundproblem ist ein ganz simples: Menschen sind nicht vollkommen rational. Sonst würden sie so viele logische Konsequenzen in ihr Leben integrieren. Aber wir sind keine reinen Vernunftwesen. Das größte Problem der Ethik ist ja auch, dass Menschen, obwohl sie bestimmten Prinzipien zustimmen und sie befürworten, nicht immer danach handeln.

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  5. Danke für den tollen Post! Ich bin jetzt über 4 Jahre Veganerin, davor einige Zeit Vegetarierin … ich bereue, dass ich nicht viel früher den „Schalter“ gefunden habe, um das Tierleid einzublenden. Auch ich habe viele viele Jahre verdrängt und mir den Fleischkonsum „schön“ geredet …
    Es ist ein Paradoxon und jeden Tag denke ich „Die anderen müssen doch auch mal aufwachen!“ … aber ich werfe es niemandem vor, denn auch ich war viele Jahre blind.
    Ich hoffe, dass immer mehr Menschen auf Fleisch verzichten werden, weil es mit dieser Massentierhaltung und den Schlachtfabriken einfach so nicht weiter gehen kann. Immer mehr Menschen, die Hunger haben … mit einer Umstellung auf pflanzliche Ernährung würden man alle satt bekommen. Dann würden nicht die vielen Tiere für den Fleischkonsum den armen Leuten in den Ländern der sog. dritten Welt das Essen wegessen … aber ich schweife ab, zu dem Thema gibt es sehr viel Literatur und Informationen im WWW. Die Leute müssen es nur lesen und verinnerlichen.
    Vegan, für die Tiere, die Umwelt und unsere Gesundheit.
    LG Steffi

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  6. Danke für den tollen Post! So lange habe ich nach genau soetwas gesucht; umd nun endlich gefunden.
    Ich sehe das genauso wie du: man sagt ja nicht „Ach, meine Oma hatte ein tolles Leben und ist doch auch schon 80! Ich glaube ich knallensie jetzt einfach ab.“ Das mag vielleicht ein SEHR harter Vergleich sein, aber harte Fakten brauchen harte Beispiele.

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  7. Da tritt halt echt das Phänomen der kognitiven Dissonanz auf… Man weiß schon, dass es eigentlich unrecht und falsch ist, aber man blendet einfach hartnäckig alles aus, damit man sich vor seinen eigenen (theoretischen) Moralvorstellungen auch mit dem flachesten Argument rechtfertigen kann.

    Diese „Ich kauf doch nur Bio“-Argumente sind ja zum einen schon mal eher unerheblich und zum anderen in den meisten Fällen auch schlicht nicht wahr. Aber man redet sich ein, dass damit dann alles gut ist.

    Und wenn jemand versucht an dieser Selbstschutz-Argumentation zu rütteln wird man halt sauer… Dann ist der andre der Böse!

    Man MUSS ja empfindungslos sein, wenn man Fleisch essen will usw., ohne dass ich das jetzt böse meine. Ich glaube auch, dass die meisten Menschen wirklich nicht WOLLEN, dass den Tieren weh getan wird. Aber die Erkenntnis zuzulassen, dass das, was man sein Leben lang getan hat, zu einem solchen Grauen führt, ist im ersten Moment halt echt bitter. Da ist ein Verdrängen natürlich leichter als sich das einzugestehen. Man müsste ja quasi einsehen, dass man bisher entgegen seiner eigenen moralischen Vorstellungen gehandelt hat, das ist nicht leicht.

    Ich bin aber auch davon überzeugt, dass dieses Einsehen ein Prozess ist. Mit zunehmender Information gerät diese Selbstschutzmauer ins Wanken. War bei mir ja auch so. Klar das ist mühselig für jene, die versuchen aufzuklären. Und auch oft frustrierend. Aber ich bin echt guter Hoffnung, dass durch beharrliche Aufklärung immer mehr Menschen diesen Selbstschutz aufgeben werden. Vielleicht geben sie es dann nicht direkt vor mir zu, nach dem Motto „Ah ok. Du hast ja recht!“. Aber evtl. irgendwann, ganz für sich selbst im stillen Kämmerlein, wird der Groschen fallen.

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